Im 19. Jahrhundert speziell für Jahrmärkte und Karussells entwickelt, dienten die lautstarken Kirmesorgeln dazu, den Festplatzlärm zu übertönen und das Publikum anzulocken.
Die Kirmesorgel ist ein faszinierendes, selbstspielendes mechanisches Musikinstrument, das im 19. Jahrhundert speziell für den Einsatz auf Jahrmärkten und Karussells entwickelt wurde. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Durch ihre enorme Lautstärke konnte sie die Geräuschkulisse des Festplatzes mühelos übertönen, Kunden anlocken und die Fahrgeschäfte musikalisch untermalen. Da sie neben klassischen Orgelpfeifen auch Schlagwerke wie Trommeln und Becken enthält, imitiert sie klanglich ein ganzes Orchester.
Die präzise Funktion dieser Instrumente basiert auf einem genialen Zusammenspiel von Mechanik und Pneumatik. Als zentrale Steuereinheit dient dabei der sogenannte Spieltisch, der sich meist auf der Rückseite des Instruments befindet. Über diesen Spieltisch ziehen motorgetriebene Walzen ein zickzackgefaltetes Musikbuch aus robusten Kartonnoten. Das Herzstück des Spieltisches ist die Schlüsselleiste, die für jeden Ton, jedes Register und jedes Schlagwerk eine eigene kleine Steueröffnung besitzt. Die Länge der in den Karton eingestanzten Löcher bestimmt beim Passieren dieser Leiste exakt die Spieldauer – vom kurzen Trommelschlag bis zum lang gehaltenen Pfeifenton. Die eigentliche Klangerzeugung wird durch ein pneumatisches Druckluftsystem gesteuert. Ein großer Blasebalg im Inneren der Orgel erzeugt permanenten Winddruck. Solange der ungelochte Karton über den Spieltisch gleitet, bleibt der Luftstrom blockiert. Sobald jedoch ein gestanztes Loch eine Steueröffnung freigibt, entweicht die Luft schlagartig. Dieser plötzliche Druckwechsel öffnet ein Lederventil in der Windlade, wodurch Luft in die jeweilige Orgelpfeife strömt oder der mechanische Klöppel einer Trommel aktiviert wird. Ist das Loch am Spieltisch vorbeigezogen, wird die Öffnung wieder verdeckt, das Ventil schließt und der Ton verstummt.
In der Blütezeit dieser Instrumente galt das badische Waldkirch mit weltbekannten Firmen wie Gebrüder Bruder, Adolf Ruth & Sohn und Carl Frei als das absolute Zentrum des Kirmesorgelbaus. Große Bekanntheit in Deutschland erlangten zudem die Gebrüder Wellershaus aus Mülheim an der Ruhr, während auf internationaler Ebene die französischen und italienischen Pioniere Gavioli sowie Limonaire Frères die Standards in Klang und prachtvoller Gestaltung setzten.
Alle Angaben ohne Gewähr!
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